Bereits bei der Einreise nach China zeigen sich die Beamten überrascht. „Chongqing?“, fragen sie immer wieder mit Nachdruck, als müsste es sich bei meinem Reiseziel um einen Fehler handeln. Tatsächlich ist diese Entscheidung etwas ungewöhnlich für einen ersten Besuch in China. Chongqing ist eine Millionenstadt in der gleichnamigen Provinz und hat durch seine Stadtarchitektur eine gewisse Bekanntheit erlangt. Überall im Internet kursieren Videos von der dreidimensionalen Labyrinth-Stadt, denn Chongqing ist am Berg gebaut und auf mehreren Dimensionen so verwinkelt, dass man schnell mal den Überblick verliert, auf welcher Etage man sich eigentlich gerade befindet. Der bekannteste Ort dafür ist der Kuixinglou-Platz, den man von der Straße aus betritt. Man scheint sich auf einem normalen, ebenerdigen Platz zu befinden, der rundherum von hohen Gebäuden überragt wird, bis man am Ende des Platzes an ein Geländer tritt. Dort geht es steil nach unten, ganze 22 Etagen um genau zu sein, bis zur nächsten Straße.
Bereits auf der Taxifahrt vom Flughafen in die Innenstadt komme ich aus dem Staunen kaum heraus. Alle Gebäude sind hell erleuchtet und die riesigen Hochhäuser, aus denen die gesamte Innenstadt besteht, machen einen unglaublichen Eindruck. Wir fahren über eine der großen Brücken über den Fluss Yangtze in das Halbinselviertel Yuzhong und während ich an der Fensterscheibe des Taxis klebe, merke ich, dass ich sie immer noch habe: meine kindliche Neugier.
Ich checke in mein gemütliches, kleines Hostel ein, für das ich pro Nacht kaum mehr als acht Euro zahle. Es befindet sich direkt an der Mountain City Alley und ist damit in einer großartigen Ausgangslage zum Erkunden. Die Betten haben Vorhänge und jede Person bekommt ein eigenes Schließfach, die Bäder sind sauber und außerhalb der Schlafsäle gibt es einen großen Gemeinschaftsraum. Damit ist alles erfüllt, was ich mir von einem guten Hostel erwarte. Am Abend hole mir in einem der zahlreichen Imbisse um die Ecke eine Nudelsuppe, bevor ich lange und komatös schlafe.
Mein nächstes Frühstück werden Baozi sein – gedämpfte Teigtaschen mit Fleisch. Mittlerweile bin ich an einem Punkt angekommen, an dem ich meinen Tag von Mahlzeit zu Mahlzeit plane und schlichtweg traurig bin, dass ich dazwischen satt sein muss und nicht noch mehr probieren kann. Für die Baozi zahle ich sechs Yuan. Als ich bezahle, gestikuliert die Verkäuferin, eine bereits ältere, kleine Frau, mit ihrer Hand. Sie streckt den Daumen und den kleinen Finger von einer sonst geschlossenen Faust und macht damit das Zeichen, was ich aus Europa als Gruß unter Surfern kenne oder als Zeichen, jemanden anzurufen. Ich bin verwirrt. Dass diese Frau zur Surfing-Community gehört oder meine Nummer möchte, bezweifele ich. Erst einige Tage später verstehe ich, was da in meinem interkulturellen Nichtwissen untergegangen ist, da mir endlich jemand erklärt: In China zählt man bis zur Zahl zehn mit einer Hand. Die speziellen Handzeichen dafür sind nicht selbsterklärend. Das Handzeichen der Verkäuferin, wie sich herausstellt, steht für die Zahl sechs. Sechs Yuan, die ich zahlen sollte.
Chongqing wirkt auf mich in vielerlei Hinsicht absurd und die Eindrücke schlagen in den ersten Tagen so intensiv auf mich ein, dass ich viel zu verarbeiten habe. Ich habe mal von jemandem gehört, dass Essen die chinesische Religion sei und obwohl ich inzwischen zu dieser Religion konvertiert bin, komme ich nicht umhin, sie auch kritisch zu betrachten. Was ich in dieser Stadt gesehen und wahrgenommen habe, wirkt sehr konsumgetrieben und materialistisch auf mich. Mit Kaufen und Essen kann man hier scheinbar jedes Problem kompensieren. Ob dafür ein Bewusstsein besteht? Während nicht nur ich sondern auch weite Teile meines Umfelds das Leben minimaler, langsamer, bewusster und achtsamer gestalten wollen, scheint es hier alles höher, schneller und weiter zu streben. Der Fortschritt schiebt die Menschenmassen durch Fressmeilen und Shoppingmalls.
Zugleich gefällt mir Chongqing sehr: All die Menschen, das Gewusel, die Lautstärke, das Essen, all diese Farben und Gerüche. Wenn ich nicht draußen bin, werde ich ganz hibbelig bei dem Gedanken, diese Stadt gerade in diesem Moment zu verpassen. Meist werde ich von den Menschen vor Ort mit unglaublicher Neugier und Freundlichkeit empfangen, obgleich die Kommunikation auf Hand und Fuß beschränkt ist. Gemeinsam mit Leon, einem anderen Reisenden aus Deutschland, den ich unterwegs kennenlerne, werde ich von einer Schulklasse abgefangen. Sie wollen unbedingt Bilder mit uns machen, Gruppenfotos, Selfies und noch mehr Selfies. Hätten wir uns nicht nach einigen Minuten aus der Situation gestohlen, würden wir wohl noch immer dort stehen.

An einem Abend im Hostel lerne ich bei einer Kartenspielrunde im Gemeinschaftsraum Eva kennen. Wir verstehen uns auf Anhieb gut und werden Chongqing in den nächsten Tagen gemeinsam unsicher machen. Dabei steht, vom Essen einmal abgesehen, einiges auf dem Plan, beispielswiese der buddhistische Luohan-Tempel. Mitten in der Stadt, zwischen Hochhäusern und urbaner Architektur steht dieses verzweigte Gebäude aus Holz, das inzwischen fast 1.000 Jahre alt ist. Luohan-Tempel bedeutet übersetzt „Tempel der Arhat“, wobei man unter Arhat im Buddhismus Personen versteht, die erleuchtet sind. In diesem Tempel in Chongqing gibt es einen Raum, der mit über 500 verschiedenen Arhat-Statuen gefüllt ist. Ehrlicherweise finde ich diesen Raum eher verstörend, da viele der Figuren mit grimmigen Gesichtern aus großen Augen starren und durch die Enge des vollgestellten Raums wirkt die Atmosphäre eher beklemmend. Zugleich ist der Luohan-Tempel der erste buddhistische Tempel, den ich jemals betrete, und steht damit am Anfang einer tiefen Faszination für mich.
Nach diesem langen Tag mit relativ wenig Schlaf machen Eva und ich eine kurze Pause im Hostel, bevor wir uns im Gemeinschaftsraum den nächsten Kaffee reinfahren und zur Clubszene recherchieren. Die Vorbereitungen für unsere Samstagnacht laufen auf Hochtouren. Diese beginnt im Hongyadong, einem riesigen, elfstöckigen Gebäudekomplex am Flussufer. Das Gebäude ist zwar neu, jedoch in einem alten, chinesischen Baustil gestaltet und beherbergt neben vielen Geschäften natürlich eins: Essen. Der gesamte, riesige Komplex wird nachts beleuchtet und ist bis in die Weite an dem warmen Licht zu erkennen. Im Hongyadong lernen wir Tanguy kennen, einen Reisenden aus Frankreich. Spontan schließt er sich uns an.

Der Tag nach unserer Feierei ist nicht nur ein frei zur Verfügung stehender Sonntag, sondern für mich ein besonderes Jubiläum. Es ist der 25. Mai 2025 und damit mein zweiter Jahrestag auf Reisen. Unglaublich, wo ich inzwischen bin, wie viel in dieser Zeit passiert ist und wie schnell zwei Jahre vergehen können. An diesem Tag treffe ich mich mit Eva und Tanguy. Gemeinsam hüpfen wir in die Metro und fahren zur Station Liziba, wo das nächste urbane Wunder und damit die nächste unübliche Sehenswürdigkeit Chongqings auf uns wartet. Eben diese Straßenbahn, mit der wir gerade angekommen sind, fährt nämlich in ein Haus hinein. Darin befindet sich die Haltestelle, aber nicht einfach ebenerdig, sondern zwischen dem 6. und 8. Stock.
Den späten Nachmittag dieses verlebten Tages verbringen wir in der Chongqing Art Gallery, wo moderne Kunst ausgestellt wird. Danach gehen wir essen und darauf freue ich mich ganz besonders, denn wir besuchen dafür das größte Hotpot-Restaurant der Welt. Mit über 5.800 Sitzplätzen wurde dieses Restaurant auf Terrassen am Hang gebaut und hat sowohl überdachte Sitzplätze, als auch solche unter freiem Himmel. Wir suchen uns einen Tisch in einem kleinen Pavillon, den wir für uns allein haben. Ein bisschen zur Feier meines Reisejubiläums und ein bisschen zur Feier des Lebens essen wir uns dort um Kopf und Kragen.
Hotpot ist ein typisches Gericht in China, insbesondere in der Region Chongqing. Dabei sucht man sich zunächst eine Suppenbasis aus: Gemüse- oder Fleischbrühe zum Beispiel, scharf oder nicht so scharf (wobei Letzteres keinesfalls mit mild zu verwechseln wäre). Dann sucht man sich aus, was man essen möchte: Fleisch, Fisch, verschiedene Gemüsesorten, Tofu oder Wantans zum Beispiel. Das wird dann in kleinen Schälchen serviert, bevor man es in die heiße Suppe wirft. Wenn es gargekocht ist, angelt man es mit den Stäbchen wieder heraus und das Essen beginnt. Hotpot hat aus verschiedenen Gründen einen besonderen Platz in meinem Herzen. Zum einen ist es natürlich einfach lecker. Zum anderen ist es die Prozedur, die ich lieben gelernt habe, da man zusammensitzt, alles miteinander teilt und lange am Tisch verweilt.
In unserem Fall wird der große Top mit Suppe in der Mitte des Tisches eingelassen und köchelt vor sich hin. Die Provinz Chongqing grenzt an die Provinz Sichuan, aus der der berühmte Sichuan-Pfeffer stammt, dessen Schärfe die Zunge leicht betäubt. In unserer Suppe treiben die Sichuan-Körner nur so vor sich hin. Insgesamt läuft der Abend dann so, wie es sein soll: Wir bestellen viel zu viel, weinen ein bisschen vor lauter Schärfe und rollen uns nach ein paar Stunden viel zu voll aus dem Restaurant, mit eingepackten Resten.



